Die kleine Wiesn

„Die kleine Wiesn“ nennt sich das Frühlingsfest. Es versucht, vom Glanz der großen Schwester zu profitieren, und das gelingt immer besser. Trotzdem gibt es wiesnliebende Münchner, die im Frühjahr einen großen Bogen ums Festgelände machen. Warum eigentlich? Wie viel Wiesn steckt im Frühlingsfest? Ein Spaziergang.

Foto 1Die riesige Theresienwiese ist schon ins Dunkel getaucht, aber ganz hinten brodelt, leuchtet, blinkt es; hysterische Schreie aus den Fahrgeschäften wehen abgehackt herüber. Sieht von hier, aus der Dunkelheit heraus so aus, als müsste jemand gestehen: „Liebling, ich habe die Wiesn geschrumpft“ –  und sie dann verschämt ins hinterste Eck des Festgeländes gekehrt.

Es ist Samstagabend. Eine Zeit, zu der jeder vernünftige Mensch ohne Reservierung einen weiten Bogen ums Oktoberfest machen würde, weil er fürchten müsste, in der Wirtsbudenstraße zerquetscht zu werden. Auf dem Frühlingsfest hingegen schieben Mütter noch Kinderwagen über das Gelände, zwei Kleinkinder starren fasziniert hoch zum Top Spin, der seine kreischenden Fahrgäste gerade um die eigene Achse wirbelt. Der Top Spin wummert, nebenan dröhnt die Wasserbahn, ein Schausteller ruft „Einsteigen“ über den Platz – es ist die Geräuschkulisse der großen Schwester, das Stimmengewirr der drängenden Besucher herausgerechnet. Wiesn light.

Jugendliche in billigen Trachten schlendern durch die Straßen, johlend, Händchen haltend. Gemessen an der Dichte der Jungesellenabschiede könnte man meinen, Schleier im Haar wären das neue Trend-Accessoire frühlingsfestgelberrock
zum Dirndl. Im Biergarten dann die volle Nase Wiesn: Gebratenes Hendl. Und das Klingen von Maßkrügen. Laute Italiener mit seltsamen Hüten und schunkelnde Australier: die Touristen haben den Weg hierher gefunden. Und sie sind hartnäckig. Bleiben unter ihren Regenschirmen sitzen, als dicke Tropfen vom Himmel fallen. Mehr und mehr fühlt sich das Frühlingsfest nach Wiesn an. Das Publikum ist eher Nachtgalerie als P1, aber mal ehrlich: Wer über das Oktoberfest läuft, wähnt sich auch nicht gerade in der Maximilianstraße. Es sei denn, man sitzt in einer Box im Käfer- oder Weinzelt. Aber zum Hippodrom kommen wir noch.

Erst einmal ein Abstecher in das Traditionszelt, die Festhalle Bayernland. Das weckt Muttergefühle: Der Durchschnittsbesucher ist um die 14 Jahre alt. Trägt seine erste selbst gekaufte Tracht. Und erlebt den ersten schweren Rausch. Mit allen Höhen und Tiefen. Auf einer Bank sitzend hält ein überforderter Junge ein Mädchen im Arm, das sich mit wehleidigem Gesichtsausdruck an ihn klammert wie eine Ertrinkende an einen Rettungsring. Die, die noch stehen können, stehen und grölen euphorisch zu den Toten Hosen. Man könnte meinen, „kleine Wiesn“ bezöge sich auf das Alter der Gäste. Die jungen Münchner haben das Frühlingsfest für sich entdeckt. Es ist ihr Trainingsgelände für den wahren Wiesn-Wahnsinn im Herbst. Wenn ihre Eltern sie da schon hinlassen.

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Die Stimmung ist gut, und das Zelt ist recht gut gefüllt, vor allem der Bereich vor der Band. Aber es sind reihenweise Plätze frei, ganze Tische. An einem Samstag auf dem Oktoberfest undenkbar.

Draußen dreht sich das Kettenkarussell nur für zwei Buben im Schulalter. Vor dem Hippodrom warten Gäste auf Einlass. Das Zelt ist tatsächlich so etwas wie geschlossen, auch wenn hier nicht schon der Vorplatz versperrt ist und sich keine Massen vor den Absperrbändern drängeln. Auf dem Frühlingsfest geht es gesitteter zu. Also gehe ich gesittet zu einem der Seiteneingänge und frage höflich, ob ich hinein darf, der Security lächelt mir freundlich zu, als er mir die Tür öffnet.

Das Hippodrom ist seit sechs Jahren auf dem Frühlingsfest und mitverantwortlich dafür, dass das Frühlingsfest immer mehr zur kleinen Wiesn wird. Bis letztes Jahr stand es schließlich (in größerer Version) selbst noch auf der großen. Der findige Wirt Sepp Krätz hatte damit einen ziemlich genialen Einfall, im Hippodrom brodelt die Stimmung. Gutgelaunte Gesichter überall, Menschen auf den Bänken, vor der Band. An langen, vollen Wiesntagen schlägt die Stimmung schon mal ins Aggressive um, da gibt es Streit, genervte Gesichter. Schon durch den Mangel an Menschenmassen ist das Frühlingsfest da friedlicher. Auch hier im Hippodrom tobt sich die Jugend aus, aber es mischt sich mehr durch als im anderen Zelt. In den Boxen sitzen Leute, die ihr Geld in mehrgängige Menüs investieren. Hierher laden auch Firmen ihre Kunden ein. Sepp Krätz leitet das Zelt heute wegen etwas Ärger mit dem Finanzamt nicht mehr selbst, seine Frau Tina hat das Ruder übernommen. Was dem Frühlingsfest wiederum einiges an wiesnwürdiger Presse beschert hat.

frühlingsfesthippo

Vor dem Zelt spielen sich wahre Teenager-Dramen ab. Der erste Rausch kann so grausam sein. In den Straßen bleiben die Kids, die langsam aus den Zelten stolpern, stehen und machen noch ein Selfie vor dem Riesenrad, bevor sie nach Hause gehen. Nirgends ist Erbrochenes auf dem Boden zu sehen. Keine leeren Pommestüten, keine Fischsemmelreste, keine verlorenen Schuhe und zerbrochenen Maßkrüge. Das Frühlingsfest ist die ordentlichere Ausgabe der großen Schwester.

Es ist, als hätte man die Wiesn mit einem ländlichen Volksfest durchgekreuzt, um eine zahmere Variante zu gewinnen. Alles ist sehr viel entspannter und damit weniger aufregend für Münchner über 20 Jahre. Die kleine Schwester wird immer die kleine Schwester bleiben. Aber ein Hauch von Wiesn-Wahnsinn, der hängt auch hier schon in der Luft. Es wird jedes Jahr mehr werden. Und zuzuschauen wie die kleine Schwester erwachsen wird, das hat seine ganz eigene Faszination.

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Kommentare

  1. Dorin Popa

    Die Entwicklung finde ich leider eher bedauerlich, denn das Frühlingsfest war eine schöne Vorstadtveranstaltung, white trash at it’s best. Mit den Touristen und immer mehr dem Trachtenfasching frönenden Jugendlichen aus den besseren Vierteln wird es im schlechten Sinne zur Wiesn light.

  2. lakaz Autor
    des Beitrages
    lakaz

    Ich finde gerade diese Mischung aus FFB-Ureinwohnern, begeisterten Touris, die denken sie seien auf der Wiesn, und versoffenen Kiddies ganz bezaubernd…

  3. Franz Kotteder

    Sehr schön, das trifft’s ziemlich genau. Wobei früher die Mischung noch ein bisschen bunter war. Am 1. Montag, wenn Paul Würges mit seiner Band spielte, sah man in der Festhalle Bayernland fast ausschließlich alte Rock’n’Roller mit silbergrauen Matten. Ganz was Eigenes!

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