Es ist nichtmal kälter als in Lissabon, wo ich im Morgengrauen aufgebrochen bin, wo ein weiterer goldener Sonnentag die Stadt gerade weckte, während das Taxi durch noch leere Straßen raste.

Aber hier in München, zwischen Terminal I und II, ist der Himmel weiß und schwer, die Luft drückend. Die Leute sind so schick, eilen über den glänzenden Boden. Das S-Bahn-Ticket in die Innenstadt kostet mehr als die Taxifahrt vor ein paar Stunden, willkommen daheim. Die Straßen, über die ich meinen Koffer ziehe, sind so glatt wie frisch gebotoxt. Ich ziehe ihn entlang der Häuser in gedeckten Farben, ordentlich aufgereiht, weiß und grau und ziegelsteinrot. Zuhause wartet ein Stapel Post, der abgearbeitet werden will, willkommen in der Realität; willkommen in dem Alltag, den ich nicht habe. Aber der Sommeranfang hat die Gesichter um mich weicher gemacht, selbst hier, und das macht alles besser, immer.

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Ich umarme Menschen, die ich liebe, Home Is Where The Heart Is, und ich versuche, das zu spüren, Home, und ich sage „Ja“, wenn sie fragen ob ich mich freue, wieder da zu sein, weil ich weiß, dass alles andere kränkend ist; und ich freue mich wirklich, über sie; und ich weiß, dass sie das meinen, eigentlich.

Auf der Hochzeit am See sind alle erleichtert über das Wetter, und ich kann nichts Schönes daran erkennen, abgesehen davon, dass die bleigrauen Wolken dichthalten und die Hochzeitsgesellschaft verschonen, und ich denke an das Licht Lissabons, das alles golden macht. Ich übersetze vom Englischen ins Deutsche in meinem Kopf, würge seltsame Satzkonstruktionen hervor in meiner Sprache, die wieder alle sprechen und bedanke mich auf portugiesisch, aber niemand bemerkt das; Gin Tonic ist unser aller Sprache. Der Tag danach ist wärmer, schwül. Ich springe in den glatten See bevor die Sonne meine Haut verbrennt, schwimme raus und versuche nicht daran zu denken, dass ich vorgestern noch mit den Wellen des Atlantiks gespielt habe, des azurblauen Atlantiks, tanzend auf dem heißen Sand, in der Ferne die Umrisse der Brücke, Lissabon.

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Ich finde einen Fleck Regenbogen auf der Rückfahrt, verloren im Himmel. Abends sitzen wir an der Isar, schmal wirkt sie, vom Grill wabert blauer Rauch, der sich vor den Türmen des Heizkraftwerks verliert. Wir sitzen da, bis nur der Mondschein unsere Silhouetten ahnen lässt; und es sind die einzigen Silhouetten, die noch erkennbar sind am Ufer. Diese Stadt fühlt sich so müde an und leer, sie passt nicht richtig, sie hat mich noch nicht wieder. Wir trinken Augustiner und hören Musik, und als ich meine Jacke aufhebe, ist sie schwer, durchnässt von Tau, nass wie das Gras; und ich radle schnell entlang der Isar, schnell, damit mich niemand fassen kann, durch die Bäume, über den Weg, der dunkel und verlassen vor mir liegt.

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Ich will, dass mehr passiert, dass sich alles schneller dreht, dass die Stadt mich mitreißt; die Tage sind heiß und die Nächte ins Licht des Vollmonds getaucht, schönste Zeit, liebste Zeit, und ich sitze nachts auf meinem Balkon in diesem weißen Licht und vermisse eine Gegend, die übersetzt Freude heißt, Kopfsteinpflaster, an dem ich mich stoßen kann, und frage mich, ob sich die Kioskfrau im Park jetzt fragt, warum ich meinen Galão nicht mehr bei ihr hole. Ich bin schlaflos, sitze auf dem Königsplatz, immer noch im Moment, aber in diesen Momenten passiert nichts. Es hat hier keinen Sinn im Hier und Jetzt zu sein, und ich scanne kurz nach Flügen, nur ein Wochenende, nur ein Wochenende, ruhelos, ich weiß, dass es nicht geht.

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Ich frage mich, ob immer mehr Parallelleben und Möglichkeiten nicht immer mehr zerreißen, bis da nur noch ein zerfaserter Mensch bleibt, voller hätte könnte wollte. Ich habe Sehnsucht. Saudade. Einen Kater, einen München-Kater. Aber ich habe Sehnsucht hier wie dort, wo immer ich bin, treibend, und es wird noch ein paar Vollmondnächte dauern, ein paar Abende am Isarufer, ein paar Umarmungen, und dann wird sie wieder da sein, die Heimat; und die Sehnsucht, sie wird immer bleiben.

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