Es gibt Tage, die sich jedem „Carpe Diem“ verweigern. Die Nichttage. Was an ihnen passiert, verrät schon ihr Name, nämlich: Nichts.

Meistens war das Nichts nicht geplant, ein Nichts plant man nicht, es soll doch immer etwas möglichst Großartiges passieren, etwas Bewundernswertes geschafft werden. Und wenn schon das nicht, dann sollte zumindest die Wäsche gemacht werden und die Steuererklärung endlich erledigt.

An diesen Nichttagen passiert das aber nicht. Oft beginnen diese Tage mit einem dumpfen Kopfschmerz, der vermuten lässt, dass die Nacht zuvor alles andere als ereignislos war, und falls sie es doch war, ist diese Ereignislosigkeit mit Wodka Soda übertüncht worden. So fangen diese Nichttage oft an, mit Kopfweh und mit Unlust, aufzustehen. Vom Bett aus sieht man das Nichttagwetter, es ist weiß und farblos, man greift zum Smartphone und scrollt alles durch, was sich an Nichtneuigkeiten durchscrollen lässt, und dann wieder von vorne. Und irgendwann aufstehen um irgendetwas zu tun, ohne richtig zu wissen, was.

Manche Nichttage beginnen mit der immer gleichen Routine, mit ausgegangenem Kaffee, mit Haaren im Abfluss und einem schmalen Rinnsal Blut dort wo der Rasierer abgerutscht ist. Mit Ideenlosigkeit vor dem flirrendem Bildschirm im Büro, diesem Bildschirm, auf dem die kleine Zeitanzeige rechts unten festgefroren scheint, die sich nicht zubewegt auf einen Feierabend, mit dem man nichts anzufangen weiß. Dieser Feierabend, der dann mit weiteren flirrenden Bildschirmen gefüllt wird, ruhiggestellt, abgestellt, bis es Zeit wird zu schlafen, bis man endlich müde ist und diesen Tag hinter sich bringen kann, einen Tag der nichts bedeutet hat, der in Belanglosigkeit ertrunken ist und morgen nur noch ein formloser Fleck in der Vergangenheit sein wird, der keinen Zweck hatte außer älter zu machen, außer zu vergehen.

Man kann genervt und selbstmitleidig sein und sich fragen, was einen so unzumutbar macht an solchen Tagen, warum die anderen alles besser hinbekommen, mehr Energie haben und weniger Kopfweh, besser mit ihrer begrenzten Zeit auf der Welt umgehen. Warum sie einen aus sozialen Netzwerken anstrahlen und schon wieder in den Bergen waren, während man selbst nur von sehr weit unten auf die Wolken starrt, die vorbeiziehen; so wenig greifbar wie das Leben vorbeizieht an diesen Tagen.

In Wahrheit aber hat jeder Mensch solche Nichttage. Nicht jeder kann jeden Tag gut drauf sein, und es gibt Tage, an denen alle Motivationssprüche lügen. Kein Mensch kann jeden Tag so leben als wäre es sein letzter, nicht jeder Tag kann der beste deines Lebens werden, YOLO, weil das verdammt müde machen würde, weil niemand mehr seine Steuererklärung machen würde oder wenigstens mal die Wäsche. Und nicht jede Stunde kann auf Effizienz gebürstet sein, weil wir keine Maschinen sind, und wir können nicht immer high auf Endorphinen sein, weil auf ein Hoch immer ein Tief folgt, weil das Leben in Wellen verläuft und nicht steil bergauf, weil das Leben ein Meer ist und kein Berg, von dem Gipfel muss man wieder runter, irgendwann.

Manchmal braucht es Langeweile, ein bisschen Luft, damit wieder Kreativität entsteht. Um wieder Energie zu haben für die Tage, die nie enden sollen, an denen wir erschöpft ins Bett fallen, trunken von so viel Leben, glücklich.

Und es gibt Tage, über die gibt es überhaupt nichts zu erzählen. Außer genau das.

Meer

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