Seit zwei Wochen habe ich eine kleine Romanze mit Lissabon. Offen gesagt, ich bin ziemlich verknallt. Immer passiert etwas Überraschendes, jeden Tag entdecke ich etwas Unbekanntes. Was natürlich daran liegt, dass ich noch nicht allzu lange hier bin. Es fühlt sich zwar so an als wäre ich es, aber ich habe getrickst und den Winter ausgelassen, den Winter mit seinem Schnürlregen, der die Metro flutet und tagelang lahmlegt, den Winter in zugigen Wohnungen ohne Heizung.

rossio10Der Frühling hier ist wunderschön, selbst an den paar stürmischen Tagen, die mir den Sand ins Gesicht wehen und mein Notebook fast vom Tisch. Die vielen Bäume der Stadt stehen in voller Blüte, die Parks sind sattgrün. Manchmal ist es um vier Uhr nachts noch so warm, dass wir im Shirt durch die Stadt laufen. Selbst in den Atlantik bin ich schon gesprungen (und auch sehr, sehr schnell wieder raus). Der Strand ist nur eine zwanzigminütige Zugfahrt entfernt.

Den Tag starte ich mit einem Bica, einem Espresso, in der Altstadt. An der Bar eines Cafés oder draußen auf der Terrasse, wenn ich dazu rauchen möchte. Auf dem Heimweg kaufe ich ein paar Erdbeeren an einem Straßenstand.

rossio15Heim, das ist hier eine WG in Bairro Alto; meine Mitbewohner stammen aus Oslo, Helsinki und Paris. Dank ihnen weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, ein Erasmus-Student zu sein und auch, wie sich der dazugehörige Kater anfühlt. Und ich weiß zwar, was „Eishockey“ und „Fuck“ auf Finnisch heißt, aber mein kaum vorhandenes Portugiesisch wird nicht besser, weil die meisten zusammengestammelten Bestellungen milde lächelnd auf Englisch beantwortet werden. Das war anders gedacht, aber manche Dinge lassen sich nicht planen, und ich würde es nicht anders haben wollen.

SDC10162Manchmal jogge ich den Tejo entlang, zur Ponte 25 de Abril, und einmal sogar bis nach Belem, zum Denkmal der Entdecker, die übers Meer fuhren um die Welt zu erkunden. Majestätisch ragt das steinerne Kunstwerk über das Ufer des Flusses. Am schönsten wirkt es in der Abendsonne, beinahe mystisch. Einer meiner Lieblingsplätze dieser Stadt.

Tagsüber sitze ich mit meinem Netbook in einem der vielen Parks. Meistens spielt einen Tisch weiter eine Runde Portugiesen Karten, johlende Zuschauer drum herum. Auch vor dem Museum der Nationalgarde sitzt es sich gut: Mit Blick auf zwei regungslose Wächter, die alle Stunde mit Tompetengetöse und Touristengefilme die Schicht wechseln und um 18 Uhr die Fahne einholen, mit noch mehr Getöse. Ab und zu bringen sie auch ein Pferd her oder ein Motorrad, manchmal rennt ein plüschiges Maskottchen über den Platz und tätschelt Kindern den Kopf. Und wie an fast allen Plätzen steht irgendwo ein Musiker mit seiner Gitarre im Schatten der Bäume, manchmal eine ganze Band, steht dort ein Kiosk, der Kaffee, Limonade und Toasts verkauft.

Auf dem Weg durch die Straßen der Stadt, die, wie man sagt, auf sieben Hügeln gebaut sein soll, offenbart rossio8sich immer wieder ein wunderschöner Panoramablick auf den Tejo und ein mundwässernder in die Auslage einer Pastelaria. Graffitis gehören hier so selbstverständlich zum Stadtbild wie die bunten Kacheln an den Häusern. Und immer, wenn ich etwas besonders Schönes entdecke, überkommt mich die fröhliche Zufriedenheit darüber, wirklich hier zu sein.

Lissabon gibt sich alle Mühe, mich zu beeindrucken. Ständig wird irgendwo ein kleines Festival abgehalten, mit Live-Musik, Tostas Mistas und Hamburgesas, Sagres- oder Superbockständen. Jeden Tag ist irgendwo anders ein kleiner Markt aufgebaut, über den ich zufällig stolpere. Am Sonntag hat Benfica die Fußballmeisterschaft gewonnen. Hupen, Johlen, Böller: Die ganze Stadt, in roten Trikots gekleidet und Benfica-Schals um den Hals, strömte zum Marques de Pombal. Die Statue dort war in rotes Licht getaucht, hunderttausende Menschen darum versammelt, feiernd, singend, nachts das Team empfangend. Es war ein imposantes Bild. Bis eine kleine Massenpanik ausbrach, vor der wir uns mit einem Sprint in Sicherheit brachten. rossio7Offenbar hatte unten am Platz ein Polizist auf einen Familienvater eingeprügelt, woraufhin wütende Benficafans sie mit Steinen bewarfen, so las ich es später nach. Irgendein Scherzkeks hatte in die rennende Masse noch „Bomba, Bomba!“ gerufen. Wir gingen dann doch lieber zu einem schönen Aussichtspunkt, um mit Blick über die Lichter der Stadt unser Bier auszutrinken.

Dieser kurze Moment am Hügel war der einzige, in dem ich ein mulmiges Gefühl hatte in Lissabon. Ich fühle mich sehr sicher hier, geborgen. Selbst wenn ich nachts allein nach Hause spaziere, auf und ab über die Hügel der Stadt, die nie richtig dunkel wird, weil die weiß gefliesten Gehwege im Licht der Straßenlaternen hell schimmern.

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Zwei Wochen Lissabon, und ich bin immer noch verliebt wie am ersten Tag.

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