Wenn ein Auslandsaufenthalt ansteht, erwarten die meisten, dass man Tage davor schon wie ein Honigkuchenpferd auf Koks durch die Gegend hüpft. „Freust du dich schon?“ ist die zweitmeist gestellte Frage nach „Hast du schon gepackt?“ (was ich frühestens am Abend vor Abflug anfange, und zwar immer). Die Tage davor verbringe ich aber mit dem Abarbeiten einer nicht enden wollenden To-Do-Liste, die viel Kontakt mir Ämtern fordert und viel putzen und einen Zahnarztbesuch. Dinge, die mich nicht unbedingt zum Strahlen bringen (nur meine Zähne nach der Zahnreinigung).

Natürlich ist da trotzdem Vorfreude. Genauso, wie da auch Bedenken sind: Was, wenn die Wohnung ein müffelndes Drecksloch voll unsympathischer Irrer ist, mit kaltem Wasser und schimmelnden Bettlaken? Was, wenn ich keine netten Leute treffe und Abend für Abend allein in diesem Drecksloch sitze oder einsam durch die fremden Straßen spaziere, schluchzend? Glaube ich zwar nicht. Weiß ich aber auch nicht.

Schlimmer als diese Bedenken ist das schlechte Gewissen. Es ist leicht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Und wenn man den Liebsten erzählt, dass man plant, ein paar Wochen außer Landes zu verbringen, hört man oft nicht: „Oh wie schön für dich!“ Sondern eher ein unwilliges Brummen. Ein knappes: So lange. Ein gekränktes: Aber du wolltest doch mit mir auf dieses Konzert gehen. Ein vorwurfsvolles: Aber was soll ich denn so lange ohne dich anstellen. Mit wem soll ich ausgehen. Dann kommst du ja gar nicht zu meinem Geburtstag.

Wer geht, enttäuscht. Und wenn es sich nur um ein paar Wochen handelt. Das macht mir keine Freude. Zum Glück gibt es da diese To-Do-Liste.

Wenn niemand brummen würde, wäre das aber auch sehr traurig. Denn in Wahrheit heißt es nur: Du wirst mir fehlen. Und es ist schön zu wissen, dass es einen Ort gibt, an dem man fehlt, wenn man nicht da ist. Diesen Ort, der sich Heimat nennt.

Die Königin in der Reihe der Gekränkten ist die Stadt selbst. Und die weiß, wie sie zurückschlägt. Ruft im Mai schon das schönste Sommerwetter heraus. Lässt einen fühlen, dass man die besten Biergartentage verpassen wird. Lässt einen nachts auf dem Radl warmen Fahrtwind auf der Haut spüren, die Sonnencreme für den Balkon auspacken, den ersten Eiskaffee vor dem Lieblingsladen trinken. Mit Lieblingsmenschen. Sie sagt: So könnte es sein, wenn du egoistische Kartoffel nicht gehen würdest.

Aber ich werde zurückkommen und sie wird mir verzeihen. Die anderen? Die werden das gleiche wie immer sagen: „Echt, du bist schon wieder da? Kam mir gar nicht so lang vor!“

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