Der Abschied von schönen Orten fällt mir leichter, wenn ich mir vornehme, eines Tages wiederzukommen. Nur komme ich meistens nicht wieder, weil es noch so viele andere schöne Orte zu besuchen gilt. Lissabon ist die Ausnahme.

In Lissabon habe ich mich sofort verliebt. In diese Mischung aus morbider Melancholie und purer Lebensfreude, die sie ausstrahlt. In ihre so prächtig gemusterten, manchmal bröckelnden und mit Graffiti überdeckten Fliesen an den Häusern; in den wunderschönen Wehklang des Fados, der aus offenen Kneipentüren durch die hügeligen Gassen wabert; in das brodelnde Nachtleben des Bairro Alto, durch das die Menschen mit Cocktails und Superbock in den Händen ziehen.

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Diese melancholische Lebensfreude hat es mir angetan. Um in der Küchenpsychologie-Schublade zu kramen: Ich finde mich da selbst wieder. Wenn ich eine Stadt wäre, ich wäre Lissabon. Und so gerne ich in München wohne, ich möchte Lissabon jetzt einmal anprobieren. Wie ein schönes Kleid, um zu sehen, wie es sich anfühlt, wie ich darin aussehe.

Wenn man ankündigt, ein paar Monate reisen zu wollen, sind alle spontan begeistert. Mama sagt noch „Pass aber gut auf dich auf!“, der Rest bekommt diesen verklärten Blick und sagt „In Bangkok musst du unbedingt im Dings-Guest-House wohnen, ich schau das nach“, und „ach, ich muss auch unbedingt wieder buchen!“ Natürlich gib es noch die „X Monate, das ist doch viel zu kurz“-Fraktion, und die, die sagen, „in so verranzten Hostels mit Kakerlaken zu schlafen könnte ich ja nie“. Aber im Allgemeinen ist Reisen die anerkannte Form der Auszeit.

Wenn man ankündigt, mal woanders leben zu wollen, ohne Job oder Stipendium, einfach so – dann muss man sich erklären. Warum denn gleich so lange, und warum da? Und was willst du da machen? Vielleicht, weil man in dieser Zeit theoretisch mindestens fünf Länder durchqueren könnte. Was das Sammeln von Länderpunkten angeht, ist so eine Sehnsucht vor allem eines: ineffizient. Unsere Gesellschaft ist darauf getrimmt, dass alles immer etwas bringen soll. Und wohnen ist, anders als reisen, keine Beschäftigung. Also erkläre ich: Schreiben kann man hier wie da, mehr als mein Netbook und etwas Wlan braucht es dazu nicht. Und es gibt nichts Inspirierenderes als einen Perspektivenwechsel. Die Welt von einer anderen Seite zu betrachten. Neue Meinungen, neue Lebenseinstellungen kennen zu lernen.

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Ich reise gern. Einen Flug zu buchen, vielleicht ein Hostel für die ersten Tage, ein neues Land kennen zu lernen und Leute aus der ganzen Welt: Wunderbar. Aber, und das habe ich mittlerweile gelernt: Immer nur drei, vier Tage an einem Ort, keine Zeit, sich so richtig auf einen einzulassen, weil der nächste schon wartet und der Heimflug immer näher rückt – das hinterlässt auch einen schalen Beigeschmack, ein leises Zwicken. Den, nicht wirklich herausgefunden zu haben, wie es sich an diesen Orten lebt. In Laos mehr Kanadier, Israelis und Schweden kennen gelernt zu haben als Laoten.

Im Mai und Juni wird alles anders. Kann ich in knapp zwei Monaten herausfinden, wie es sich in Lissabon lebt? Zumindest das werde ich herausfinden.

 

 

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