Da soll also ein Eisenbahnwaggon im Viehhof stehen in dem wilde Feste steigen, der Waggon des Bahnwärters Thiel. Endstation Eskalation im Sendlinger Niemalsland, den ganzen Winter über, das klingt erst einmal ganz entzückend.

Dort, wo im Viehhof sommertags entspannte Menschen im Biergarten sitzen ist jetzt ein Weihnachtsmarkt, ein sehr hübscher. Der schließt am Wochenende um Mitternacht, also noch schnell ein Tässchen Glühwein und vielleicht Falafel als letzte Grundlage. Von der lustig angesprayten Eisenbahn aus wummert es schon elektronisch rüber, klingt nicht schlecht. Verwirrend nur, dass die Menschen in dem Waggon sitzen, wie wir durch die Fenster sehen. Wir wollen doch tanzen. Aber es ist noch früh.

Der Glühwein betäubt dann die Zweifel an der Kasse (Eingang hinten ums Eck), einen Zehner gegen Einlass, das ist obere Schmerzgrenze und setzt die Erwartungen hoch an, jetzt bitte kein Niveaulimbo drinnen.

Bahnwärter Thiel Viehhof München

Aber zurück ist eh nicht mehr, weil da die Neugierde ist und dieses Konzept, ein kreatives für das schwerfällige Münchner Nachtleben, und da sind diese mit Witz geschriebenen Veranstaltungsankündigungen mit Namen wie „Pfandfinderereis Kabinenparty“ und – kurz auf der Facebookseite rumgestöbert – musikalisch begleitete Literaturwettbewerbe mit Gourmetspeisung finden auch statt, alles andere als ein 08/15-Partykeller. Da hat jemand Herzblut und Gedanken reingesteckt, stecken wir halt einen Zehner rein. Die Halle, an der sich der Eisenbahnwaggon anschließt – da wird also getanzt – ist offenbar die, die während der Kandinsky-Ausstellung vor ein paar Jahren als improvisierter Museumsshop auf dem Königsplatz stand. Das Setup also so: Halle (liebevoll als Heizungshalle oder Bahnhofshalle bezeichnet), daran angeschlossen der Eisenbahnwaggon aus den 50ern.

Und im Bahnhof, den wir jetzt betreten, hängen bunte Lampen von der Wand, an einer Seite die zusammengenagelte Bar; sieht ein bisschen so aus als würden die Barkeeper im Hühnerverschlag umherhuschen, und wir drängen uns wie gierige Füchse davor. Der DJ auf einer kleinen Empore, irgendwo an der Wand steht eine mit Jacken behängte Wanne und eine solche dient den Männern auch als Pissoir, ohne Jacken versteht sich. Sehr nett gestaltet hat das der Bahnwärter Thiel. Der Beat könnte ein bisschen mehr Wumms haben, aber ein bisschen Gejohle geht allerweil, und dann steht ein Saxophonspieler neben dem DJ und veredelt Parov Stelar, nicht schlecht.

Bahnwärter Thiel Waggon Viehhof

An der Bar gibt’s Bier für drei Euro oder auch Wodka Mate für siebenfünfzig, wobei der Gast erstmal die Mate abtrinkt und der Barkeeper das Abgetrunkene durch Wodka ersetzt. So hat man, praktisch zum Tanzen, eine Flasche in der Hand. Der Waggon nebenan ist ein Abteil mit Tischgruppen, das Barabteil sozusagen, und alle Viertelstunde läuft ein Typ durch mit der Kunde, dass das nicht das Raucherabteil sei und er die Leute mit Kippe in der Hand beim nächsten Mal leider rausschmeißen müsse, aber bis dahin stellen sie sich schwerhörig.

Hier ist es wärmer als in der Halle, und mit endlich aufgetauten Füßen tanzt es sich dann noch besser, eine Weile noch, dann elektroswingbeschwingt raus in die kalte Nacht, in den dunklen Viehhof.

Bis bald, lieber Bahnwärter Thiel, bis wir nach Glühwein und heißem Apfelstrudel im märchenhaften Weihnachtswunderniemalsland wieder Eskalationslust spüren, bis deine heraushallenden Beats uns hineintreiben, in die Endstation Ekstase.

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